Das war “Kästner und der kleine Dienstag” mit Florian David Fitz

Es ist mal wieder so weit – in München hat das Filmfest angefangen. Und heute gab es die Premiere von Kästner und der kleine Dienstag mit Florian David Fitz in der Hauptrolle.

Wie wahrscheinlich so viele habe ich bereits als Kind meine ersten Berührungspunkte mit Erich Kästner gehabt. Auch wenn Kästner eigentlich nicht in erster Linie als Kinderbuchautor bekannt sein wollte, haben doch gerade Pünktchen und Anton sowie Das doppelte Lottchen meine Kindheit geprägt. Umso gespannter war ich heute, was es denn mit diesem kleinen Dienstag in der Verfilmung auf sich hatte.

Man muss dazu sagen, dass ich ausgerechnet Emil und die Detektive nicht gelesen haben und deswegen erst dank Wiki von Pony Hütchen, dem kleinen Dienstag und Parole Emil erfahren habe (ich schwöre an dieser Stelle feierlich, diese Bildungslücke zu schließen!).

Die Handlung von Kästner und der kleine Dienstag setzt kurz nach der Veröffentlichung des Buches im Jahre 1929 ein. Kästner (Florian David Fitz) genießt den Erfolg seines Buches und bewegt sich in einem illustren Kreis aus kreativen Freunden. Ihn erreicht schließlich ein – man kann es nicht anders nennen – Fanbrief eines kleines Jungen: Hans Albrecht Löhr. Hans findet das Bucht “kolossal” und überrascht Kästner eines Tages einfach vor seiner Wohnungstür, weil er von ihm ein Gedicht für die Schülerzeitung kaufen möchte. Es entwickelt sich eine anfangs von Seiten Kästners sehr zögerliche Freundschaft und schließlich spielt der kleine Hans in der Verfilmung von Emil und die Detektiven den kleinen Dienstag – den kleinen Jungen, der die Nacht am Telefon verbringt, um die “Parole Emil”-Anrufe zu sammeln.

Mittlerweile ändern sich jedoch die politischen Bedingungen in Deutschland radikal. Kästners Verlegerin – Edith Jacobsohn – flüchtet als Tochter eines jüdischen Bauunternehmers in Ausland. Erich Ohser – ein Freund Kästners – wird nicht in die Reichspressekammer aufgenommen und wird später als E.O. Plauen die berühmten Vater-Sohn-Geschichten zeichnen. Und auch Kästners Bücher werden verbrannt. Denn Kästner ist von seinen eigenen Erfahrungen an der Front im Ersten Weltkrieg noch traumatisiert und vor allem ein Pazifist. Seine Kritik am Krieg ist nicht wirklich etwas für die Nazis, sein Antrag auf Annahme in die Reichsschrittumskammer wird aufgrund „kulturbolschewistischen Haltung im Schrifttum vor 1933“ abgelehnt. Kästner hat damit ein Publikationsverbot.

Dazwischen steht der kleine Hans, der versucht zu begreifen, was gerade um ihn herum passiert. Der nicht versteht, warum er nicht mit länger mit Wolfi Stern befreundet sein sollte. Der nicht versteht, warum sein Freund Erich Kästner auf einmal nicht mehr anerkannt ist. Es ist verblüffend, wie der Film hier darstellt, wie sehr die Erwachsenen in Erklärungsnot waren. Sollte man einem knapp 11jährigen Jungen detailliert erklären, was zu befürchten war? Was Antisemitismus ist? Dass Krieg droht? Sollte man diesem Kind den Mund verbieten, weil es zu unbequeme Fragen stellt?

Als sich die Situation für Kästner so weit verschlimmert, dass die Gestapo bei ihm vor der Tür steht, trifft er eine schwerwiegende Entscheidung: Es bricht ihm zwar das Herz, aber mit einer Notlüge bringt er den Jungen dazu, keinen Kontakt mehr mit ihm aufzunehmen.

Einige Jahre später steht Hans – mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen – wieder bei ihm vor der Tür. Und der Film beleuchtet behutsam diese Freundschaft, in der diese unterschiedlichen Charaktere füreinander da sind. Und wie diese Freundschaft endete.

Kästner und der kleine Dienstag ist ein rundum stimmiger Film. Das Drehbuch verfasste Dorothee Schön, u.a. auch tätig für den Tatort. Leise erzählt sie von dieser außergewöhnlichen Freundschaft, stellt Fragen, die in der heutigen Situation auch noch erschreckend aktuell sind und stellt dem Zuschauer unwillkürlich die herbe Gewissensfrage: Was habe ich getan, um es zu verhindern?
Gerade durch den inneren Kampf Kästners wird der Zuschauer hier in diese Fragestellung zerrissen. Bleiben? Fliehen? Sich erheben? Wann darf ich mutig sein? Wann ist Mut aber auch lebensmüde?

Gestützt wird das hervorragende Drehbuch von der Schausspielerriege. Bei der Besetzung von Florian David Fitz war ich zunächst etwas skeptisch, jedoch konnte er mich schnell überzeugen. Und sehr überrascht haben mich die Darsteller der Kinder. Vermutlich haben Kinder ein Gespür dafür, wann Erwachsene sich manchmal nicht so erklären können, wie sie es gerne wollen. Denn das ist der heutigen Zeit wahrscheinlich nicht so anders wie es zu Zeiten von Kästner und der kleine Dienstag war.

Den Trailer gibt es übrigens hier zu sehen. Ein Sendetermin fürs Fernsehen steht leider noch nicht fest.